
Zu den kostbaren kirchlichen Objekten im Heiligen und Großen Kloster Vatopedi auf dem Berg Athos gehört ein elliptisches Enkolpion, das eine Hämatit-Kamee aus dem 12. Jahrhundert mit einer deutlich jüngeren Metallfassung vereint. Das Objekt zeigt Christus und die Theotokos Hodegetria und ist in vergoldetes Silberfiligran gefasst, das mit Edelsteinen, Perlen und erhaltenen Emaille-Spuren verziert ist. Die Fassung stammt aus dem späten 15. oder frühen 16. Jahrhundert, mehrere Jahrhunderte nach der Entstehung der Kamee selbst.
Das dunkle Hämatit verleiht dem zentralen sakralen Bild eine ungewöhnlich zurückhaltende Präsenz. Im ovalen Feld erscheint die Theotokos stehend mit dem Christuskind; die Figuren treten durch die Variationen der bearbeiteten Oberfläche und die natürliche Tiefe des Steins hervor. Die Hodegetria gehört zu einem der beständigsten marianischen Ikonografietypen der byzantinischen Kunst und zeigt die Jungfrau Maria mit Christus, wodurch die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt wird. In diesem kleinen Format erhält die kompakte Anordnung jene konzentrierte Wirkung, die einem körpernah getragenen Objekt angemessen ist.
Das Hodegetria-Hämatit-Enkolpion und seine spätere Umgebung
Um die Kamee herum verändert die spätere Fassung die visuelle Wirkung völlig. Feines vergoldetes Silberfiligran bildet geschwungene Muster zwischen Steinen in Blau-, Violett-, Rotbraun- und blass-transparenten Tönen. Kleine Perlen, die zwischen den größeren Edelsteinen verteilt sind, setzen Lichtpunkte auf der Oberfläche. Die äußere Kontur weitet sich zu abgerundeten und kantigen Vorsprüngen aus und erzeugt so eine detailreiche Silhouette um die vergleichsweise schlichte ovale Kamee. Darüber befindet sich die Aufhängung, die von zwei dunklen, tropfenförmigen Steinen begleitet wird und die ursprüngliche Funktion des Objekts als Anhänger unterstreicht. Enkolpien waren kleine sakrale Objekte, die zum Aufhängen bestimmt waren, üblicherweise mithilfe eines beweglichen Rings oder einer ähnlichen Befestigung.
Besonders interessant ist der beträchtliche zeitliche Abstand zwischen Bild und Kontext. Eine byzantinische Kamee aus dem 12. Jahrhundert wurde erhalten und in eine etwa drei Jahrhunderte später entstandene Metallarbeit integriert. Der spätere Handwerker behandelte die ältere Schnitzerei als visuelles und materielles Zentrum der Komposition: Ornamente – Filigran, Perlen, Edelsteine, Spuren von Emaille – umgeben sie, während das Hämatitfeld vergleichsweise unberührt bleibt. So sind innerhalb des einen Objekts zwei unterschiedliche Bearbeitungsphasen erhalten.
Diese vielschichtige Geschichte wird im Kontrast der Oberflächen deutlich sichtbar. Dichtes, leuchtendes Ornament umgibt den tiefbraungrünen Stein; feine Drahtspiralen treffen auf glatte, cabochonartige Edelsteine, unregelmäßige Perlen und schmale Perlenbordüren. Im Zentrum, ruhiger und dunkler, befindet sich das ältere sakrale Bildnis. Die dokumentierte Vatopedi-Sammlung umfasst zahlreiche Enkolpien aus verschiedenen Materialien und in unterschiedlichen Formen, und durch die Verbindung mittelbyzantinischer Edelsteinbearbeitung mit einer prachtvollen spätmittelalterlichen Fassung nimmt dieses Exemplar unter ihnen eine besondere Stellung ein.
