
Zeus ist es, den Odysseus anruft, als er den Kyklopen auffordert, seine Gäste zu achten. In dieser Szene der „Odyssee“ erscheint der Herrscher des Himmels zugleich als Beschützer dessen, der schutzlos an einen fremden Ort gelangt. Seine Macht berührt eine menschliche Verpflichtung, selbst in der Höhle Polyphems, wo der Besucher dem Gastgeber ausgeliefert ist.
Die olympischen Götter waren mit Erfahrungen verbunden, die den alten Griechen vertraut waren, von der Ungewissheit einer Seefahrt bis zur Abhängigkeit von der Ernte. Für die Menschen, die sie verehrten, waren sie göttliche Präsenzen, die in ihr Leben eingreifen konnten. Symbolische Deutungen entstanden innerhalb dieser religiösen Welt und konnten erheblich voneinander abweichen. Ein Athener des 5. Jahrhunderts v. Chr. und ein stoischer Philosoph späterer Zeit sprachen vom selben Zeus, verbanden mit seinem Namen jedoch einen unterschiedlichen Gehalt.
Die Zwölfgötter im alltäglichen Leben
In den kultischen Praktiken der griechischen Gemeinschaften fand die Beziehung zu den Göttern in konkreten Handlungen ihren Ausdruck. Ein Votivgeschenk, also eine Weihgabe an ein Heiligtum, konnte als Dank dargebracht werden oder zusammen mit einer Bitte um Schutz. Opfer versammelten die Teilnehmer um den Altar, während Feste der Zeit der Gemeinschaft ihren eigenen Rhythmus gaben. Tausende solcher Gaben sind bei Ausgrabungen in Heiligtümern zutage gekommen.
Auch die Zusammensetzung der Zwölfgötter war nicht überall dieselbe. In verschiedenen Aufzählungen und Darstellungen begegnen Hestia oder Dionysos, und kultische Gruppen von zwölf Göttern konnten weitere Abweichungen aufweisen. Daneben gab es zahlreiche andere Gottheiten. Die Stellung Hestias selbst zeigt, wie sorgfältig das mythologische Handeln einer Gestalt mit ihrer Bedeutung im Kult in Beziehung gesetzt werden muss.
Zeus und Poseidon angesichts menschlicher Ungewissheit
In Zeus verbinden sich die Herrschaft über den Himmel und eine Macht, die eine Ordnung der Dinge aufrechterhält. Donner und Blitz machen seine Überlegenheit spürbar. In der homerischen Erzählung kümmert sich Zeus Xenios jedoch auch darum, wie ein Besucher behandelt wird. Die Macht des Gottes gewinnt so Bedeutung innerhalb der menschlichen Beziehungen, neben seinem himmlischen Herrschaftsbereich.
Man kann diese Verbindung auch als Bekräftigung einer gesellschaftlichen Verpflichtung lesen. Der Reisende, fern von seinen Angehörigen, ruft einen auch für sein Gegenüber erkennbaren Beschützer an. Polyphem weist die Berufung auf Zeus verächtlich zurück. In dieser Szene verfolgt der Leser zugleich einen Konflikt darüber, was man dem Unbekannten schuldet, der vor einem steht.
Mit dem Meer war Poseidon verbunden, dessen Feindschaft gegen Odysseus einen persönlichen Grund hat: Der Held hat Polyphem, den Sohn des Gottes, geblendet. Das Abenteuer auf See fügt sich in eine Geschichte der Vergeltung, denn der Kyklop bittet seinen Vater, die Heimkehr seines Widersachers zu verhindern oder zu erschweren. Die menschliche Verletzlichkeit auf dem Meer findet hier durch den Willen einer Gottheit erzählerischen Ausdruck.
Demeter und die Erfahrung des Verlusts
Besonders dicht ist die Verbindung von Naturwelt und menschlichem Erleben im „Homerischen Hymnos an Demeter“. Nachdem Hades Persephone mit Zustimmung des Zeus geraubt hat, sucht die Göttin ihre Tochter. Später verhindert sie, dass die Erde Frucht trägt. Die Hungersnot bedroht die Menschen und mit ihnen den Fortbestand der Opfer für die Götter.
In dieser Geschichte trifft die Trennung von Mutter und Tochter auf die Angst einer Gesellschaft, die von der Landwirtschaft lebt. Eine moderne psychologische Lektüre kann bei Demeters Trauer verweilen und bei ihrem Zorn über eine Entscheidung, die über ihren Kopf hinweg getroffen wurde. Das Gedicht lässt diesen Zugang zu, da es der Suche Raum gibt und der lang anhaltenden Weigerung der Göttin, in ihr früheres Leben zurückzukehren.
Die endgültige Regelung sieht vor, dass Persephone ein Drittel des Jahres in der Unterwelt verbringt und die übrigen zwei Drittel bei ihrer Mutter und den anderen Unsterblichen. Dies ist das Verhältnis, das dieser Hymnos nennt. Am Ende der Erzählung lehrt Demeter zudem die heiligen Riten in Eleusis und verbindet so die Geschichte ihrer Tochter mit dem Kult.
Athena und Apollon im Bereich des Denkens
Im ersten Gesang der „Ilias“ greift Athena ein, als Achilleus im Begriff ist, das Schwert gegen Agamemnon zu ziehen. Nur er sieht sie. Die Göttin hält ihn von der Bluttat zurück, und das Schwert kehrt in die Scheide zurück, obwohl sein Zorn bleibt und sich in Worten entlädt.
Das Dilemma des Helden gestaltet das Gedicht als Zwiegespräch mit einer Gottheit. Heute können wir in der Szene ein Bild der Selbstbeherrschung erkennen, allerdings mit dem Vorbehalt, dass Athena im Epos weit umfassender präsent ist. Sie nimmt am Krieg teil und begünstigt bestimmte Helden. Ihr Eingreifen bei Achilleus gehört zu diesen persönlichen Schutzbeziehungen.
Für Apollon sind Musik und Mantik zentrale Wirkungsbereiche, wobei Delphi in seinem Kult eine herausragende Stellung einnimmt. Zu Beginn der „Ilias“ wiederum bringen seine Pfeile die Seuche über das Lager der Achaier, nachdem sein Priester beleidigt worden ist. Musikalische Harmonie und die Fähigkeit, massenhaften Tod herbeizuführen, bestehen in derselben göttlichen Gestalt nebeneinander.
Das Begehren und die Beziehungen der Menschen
Die Macht der Aphrodite beschreibt der nach ihr benannte homerische Hymnos als eine Kraft, die in Göttern und Sterblichen Begehren weckt und selbst die Tiere erfasst. Die erotische Anziehung erhält kosmische Ausmaße. In diesem poetischen Bild können wir eine menschliche Erfahrung wiedererkennen, das Begehren, das entsteht, ohne dass wir es zuvor gewählt hätten.
Der Hymnos nennt auch diejenigen, die sich ihrer Macht entziehen: Athena, Artemis und Hestia. In dieser göttlichen Ausnahme zeigen sich die Grenzen der Aphrodite, wie umfassend ihre Herrschaft auch erscheinen mag.
Im Bereich der Ehe nahm Hera eine besondere Stellung ein. Diese Beziehung kam auch ikonographisch zum Ausdruck, etwa am Ostfries des Parthenon, wo die Göttin sitzend dargestellt ist und ihren Schleier mit einer bräutlichen Geste angehoben hält. Der Schutz des ehelichen Bandes bietet einen gesellschaftlichen Rahmen für ihr Verständnis. In den Mythen fügen die Konflikte mit Zeus die Erfahrung ehelicher Spannung hinzu, die in jeder Erzählung anders entfaltet wird.
Artemis war mit der Jagd und dem Bergland verbunden, woran auch der „Homerische Hymnos an Aphrodite“ erinnert. In ihrem Kult hatte außerdem der Schutz der Frauen bei der Geburt Bedeutung. Die Jungfräulichkeit der Göttin bestand neben dieser Zuständigkeit für die Geburt und erweiterte ihren Bereich über das hinaus, was man allein aufgrund ihrer Jagddarstellungen vermuten würde.
Das Haus und die Welt außerhalb
In Hestia erhielt der Herd des Hauses eine göttliche Gegenwart, während ihr Kult auch mit dem Gemeinschaftsleben der Stadt verbunden war. Ihr mythologisches Wirken ist vergleichsweise begrenzt. Um ihre Stellung in der antiken griechischen Religion einzuschätzen, müssen wir jedoch die rituellen Ehren betrachten, die sie empfing, und die Bedeutung des Raumes, mit dem sie verbunden war.
Außerhalb des Hauses, an Straßen und an Grenzen, begegnete man den Hermen. Hermes schützte die Reisenden und die Eingänge der Häuser. Solche Monumente wurden entlang von Wegen oder nahe bei Toren aufgestellt und gaben dem göttlichen Schutz einen für den Vorübergehenden sichtbaren Ort, genau dort, wo er von einem Raum in einen anderen trat.
Mit Hephaistos hielt die Kunst der Metallverarbeitung Einzug in den Olymp. Die Arbeit, die den Stoff umgestaltet, hatte ihren göttlichen Handwerker, während zur selben Welt Ares gehörte, dessen Bereich der Krieg war. Ihre Gegenwart erlaubt uns zu untersuchen, wie verschiedenartige menschliche Tätigkeiten einen Platz im Pantheon erhielten, zusammen mit ihren Folgen für die Gemeinschaft.
In den „Bakchen“ des Euripides stellt Teiresias den Wein als Gabe des Dionysos dar, die Kummer vertreibt und Schlaf bringt. Der Verlauf der Tragödie führt jedoch zum zerrissenen Leichnam des Pentheus, der sich dem Gott widersetzt hatte. Linderung und verheerender Kontrollverlust bestehen in dem Stück nebeneinander. Die Erkundung menschlicher Grenzen vollzieht sich hier in einem bestimmten dramatischen Konflikt, mit Figuren, die aus unterschiedlichen Positionen sprechen.
Als die Philosophen die Götter deuteten
Kritik an den überlieferten Göttergestalten findet sich bereits in der Antike. Xenophanes tadelte Homer und Hesiod dafür, dass sie den Göttern Taten zuschrieben, die unter Menschen als verwerflich gelten. Er äußerte sich auch über die Neigung verschiedener Völker, sich Götter mit Zügen vorzustellen, die ihren eigenen gleichen. Seine Fragmente werfen damit die Frage auf, wie stark menschliche Erfahrung die Vorstellungen vom Göttlichen prägt.
Eine andere Richtung schlug die stoische Philosophie ein. Zeus wurde mit dem aktiven, vernunftbestimmten Prinzip gleichgesetzt, das den Kosmos durchdringt und ordnet. Die Theologie gehörte zur Erforschung der Natur und war mit der Frage verbunden, wie der Mensch leben soll. Das Leben im Einklang mit der Natur verlangte, den eigenen Logos mit dem Logos des Ganzen in Übereinstimmung zu bringen.
Diese Deutungen haben bestimmte Urheber und historische Kontexte. Die Frage „Was symbolisierten die olympischen Götter wirklich?“ bedarf daher jedes Mal einer zusätzlichen Präzisierung: für welchen Menschen und in welcher Epoche. Ein Opfer in einem lokalen Heiligtum bietet anderes Material als ein philosophischer Kommentar zu Zeus.
Ein Kopf von ungewisser Identität
Der abgebildete Marmorkopf zeigt ein bärtiges Gesicht mit dichtem, welligem Haar und kräftig gemeißelten Locken. Im Katalog des Museums wird er als „Kopf Christi oder des Zeus“ geführt und in das 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. datiert, mit späterer Überarbeitung. Die doppelte Benennung lässt die Identifizierung offen. Auf der Fotografie sind kleine Beschädigungen der Oberfläche zu erkennen sowie der fragmentarische Abschluss des Halses über der modernen Halterung.
Die Gestalt bietet sich für Vergleiche zwischen Darstellungstraditionen des Göttlichen an. Für diese Skulptur verzeichnet der Katalog jedoch einen späteren Eingriff, ohne ihn im öffentlichen Eintrag näher zu erläutern. Das heutige Erscheinungsbild des Werkes muss zusammen mit dieser offenen Frage seiner Geschichte betrachtet werden.