
Im Schatten eines mächtigen Baumes neigt sich Venus zu Adonis, der das Gesicht hebt, um sie anzusehen. Ihr Arm führt hinter seinen Schultern entlang; rechts wendet ein sitzender Jagdhund den Kopf dem Paar zu. Das Gemälde „Venus und Adonis“, das dem deutschen Maler Hans von Aachen zugeschrieben und etwa in die Jahre 1574–1588 datiert wird, ist in Öl auf Leinwand ausgeführt und misst 68,2 × 95,2 cm. Es gehört zum Busch-Reisinger Museum der Harvard Art Museums in Cambridge, Massachusetts, und trägt die Inventarnummer BR77.1
Zusammengehalten wird die Darstellung vor allem durch den Austausch der Blicke. Um diese Begegnung ordnen sich die auseinanderstrebenden Körper und der Ausblick in die Landschaft, mit der kleinen Gestalt Amors unten links, neben den Stoffen.
Venus und Adonis im Bildgefüge
Etwas erhöht sitzend, hebt Venus ihren hell leuchtenden Oberkörper vor dem dunklen Laubwerk ab. Die Neigung des Kopfes setzt sich in der Schulter fort und in dem Arm, der den Jüngling umfängt. Adonis sitzt schräg, die Knie nach rechts gewandt, dreht das Gesicht jedoch zur Göttin zurück. Die Gegenläufigkeit von Unterkörper und Blickrichtung bringt Bewegung in eine Szene ausgedehnter Ruhe.
Weiter unten, vor den Stoffen, die die Beine der Venus bedecken, nähern sich die Hände der beiden Figuren und überschneiden sich. Diese Berührung wiederholt im kleineren Maßstab die Nähe der Gesichter.
Das blaugrüne Tuch sammelt sich um die Hüften der Göttin und fällt in dichten Falten zu Boden. Ein heller, grauer Faltenwurf breitet sich zwischen den Figuren aus, während ein warmer, ockerroter Stoff einen Teil von Becken und Oberschenkel des Adonis bedeckt. Auf der beigefügten Abbildung reicht die Fußsohle der Venus bis nahe an die untere linke Bildzone. Das ausgestreckte Bein des Jünglings weist in die Gegenrichtung, nach rechts, vor den Hund.
Neben ihnen kniet Amor und hebt mit einer Hand den Saum eines Tuches über seinen Kopf. Die andere Hand streckt er nach links aus. So entsteht am Rand der Hauptgruppe eine kleine, verhältnismäßig eigenständige Episode, in der dunkler Stoff den hell beleuchteten Kinderkörper umhüllt.
Licht auf den Körpern und die Öffnung der Landschaft
Auf Schulter und Brust der Venus sammeln sich die hellsten Töne. Das leuchtende Inkarnat hebt sich von den Braun- und tiefen Grüntönen der Umgebung ab, während bei Adonis das Helldunkel stärker die Gliederung des Brustkorbs herausarbeitet. Unter dem Arm und um den Bauch vertiefen sich die Schatten dort, wo der Körper sich dreht oder auf die Stoffe trifft.
Der Unterschied in der Beleuchtung erlaubt es, die Figuren getrennt zu lesen, obwohl Umarmung und Überschneidungen sie eng miteinander verbinden.
Hinter dem Paar begrenzen der breite Stamm und das dichte Blattwerk die Tiefe. Nach rechts hin aber öffnet sich der Raum in kühleren Tönen. Bergmassive staffeln sich hintereinander, darunter eine helle Wasserfläche, über den Hängen offener Himmel. Der Übergang vom beschatteten Platz der Liebenden zur fernen Landschaft vollzieht sich unvermittelt, beinahe direkt hinter der Schulter des Adonis.
Von den Ästen hängt ein rosafarbener Vorhang herab, am deutlichsten oben links zu erkennen. Seine Falten verleihen dem Freiraum etwas von der Vertrautheit eines Innenraums. Der Stoff zieht sich auch am oberen Bildrand entlang, wird dort aber großenteils von den Schatten des Laubs verschluckt.
Die Zuschreibung an Hans von Aachen
Die Urheberschaft des Gemäldes ist in der Forschung umstritten. Der Katalog des Louvre verzeichnet im Eintrag zu einer Zeichnung, auf der Venus den zur Jagd aufbrechenden Adonis zurückhält, unterschiedliche Auffassungen zur Komposition in Harvard. Joachim Jacoby lehnte die Zuschreibung an Hans von Aachen ab, während Eliška Fučíková das Bild für ein eigenhändiges Werk des Malers hielt und die Ansicht vertrat, die Zeichnung im Louvre habe vorbereitenden Charakter. Derselbe Eintrag vermerkt, dass sich Thomas DaCosta Kaufmann ihrer Auffassung anschloss. Die einschlägige Literatur ist im Eintrag der Louvre site des collections zusammengestellt.
Formal lassen die gelängten Proportionen und die verschränkte Anordnung der Gliedmaßen zu, die Darstellung mit den Begriffen des Manierismus zu beschreiben. Venus beugt sich vor, während Adonis sich ihr zuwendet und die Beine dabei in eine andere Richtung hält. Die Gelöstheit der Umarmung verbindet sich mit einer Haltung, die eine sorgfältige Ordnung der Überschneidungen verlangt, vor allem unten, zwischen den Knien und den Stoffen.
Am rechten Rand hält der Hund die Schnauze erhoben, das Halsband ist deutlich zu sehen. Seine Anwesenheit verweist auf Adonis als Jäger. Dennoch bleibt er nahe beim Paar, in derselben dunklen Zone des Vordergrunds, die offene Landschaft unmittelbar hinter sich.